Schon in den ersten Kapiteln liegen alle Karten offen: der Verbrecher steht fest. Wer wen wann und wie getötet hat, ist bekannt. Warum wird dann „Vebrechen und Strafe“ in die Sparte der Kriminalromane eingereiht?

Jahr: 2015 [1866] | Verlag: Reclam | Seiten: 302

„Der größte Kriminalroman aller Zeiten“

Thomas Mann
Um wen geht es?

Hauptperson ist der arme Student Raskolnikov, der geplant und bewusst (!!!) eine alte Pfandleiherin umbringt. Nichts deutet auf ihn. Doch langsam, aber sicher mach ihn seine Tat verrückt, sodass seine Freiheit zur schlimmsten Strafe für ihn wird.

Und weiter?

Es stellt sich an dieser Stelle die Frage, was es denn noch zu ermitteln gibt? Die Antwort ist gleichermaßen einfach wie schwierig. Der Leser weiß zwar, wer der Täter und wer das Opfer ist, doch WARUM Raskolnikov getan hat, was er getan hat, weiß keiner. Er selbst weiß es auch nicht. Und das macht ihm so richtig zu schaffen. Die Frage nach dem WARUM ist also die zentrale Frage dieses Klassikers.

Ja, warum?

Auf den ersten Blick scheint es, als wollte er sich einfach testen. Ist er imstande, ein solches Verbrechen zu begehen? Die Pfandleiherin ist eine alte, eklige und böse Frau, die die Welt entbehren kann. Ihr Hab und Gut kann er für bessere Zwecke verwenden. Keiner wird sie je vermissen. Warum also nicht? Raskolnikov nimmt sich der Herausforderung an und tötet die alte Frau.

Was folgt nach dem Verbrechen?

Doch kann ein (normaler) Mensch damit leben? Und wohl die wichtigste Frage von allen: warum darf er, ein „wertvolles Mitglied der Gesellschaft“, eine „Laus“ (so wird die Alte genannt) nicht töten? Das machen doch andere berühmte Persönlichkeiten (an dieser Stelle wird oft Napoleon als Vorbild genannt) zum Wohle der Gemeinschaft auch und werden sogar noch als nationale Helden gefeiert.

Meine Meinung

Ich würde „Verbrechen und Strafe“ nicht unbedingt als leichte Kost bezeichnen. Den ersten Teil fand ich zwar ziemlich spannend, doch im zweiten Teil wird Raskolnikovs Kopfkino anstrengend. Stellenweise habe ich mich durch seine seelischen Quallen gequält. Es ist verrückt, aber durchaus nachvollziehbar, was das Verbrechen aus Raskolnikov macht und wie krampfhaft er versucht, dem Ganzen einen Sinn zu geben. Mit der Auflösung hätte ich so nicht gerechnet. Insofern kann auch ein Klassiker einen mal so richtig überraschen.

Fazit

Insgesamt ein wirklich lesenswerter Klassiker, der zum Philosophieren einlädt. Die Sprache ist nicht einfach und einige Passagen sind in die Länge gezogen. Für Einsteiger in die russische Literatur nicht unbedingt empfehlenswert, trotzdem ein wertvoller Roman, über den man lange diskutieren kann. 

Hinweis zur Reclam-Ausgabe: diese Ausgabe ist wunderbar geeignet, wenn man das Original lesen möchte, aber noch Hilfe beim Wortschatz braucht. Der Text ist stellenweise gekürzt (was der Handlung nur zu Gute kommt, siehe oben), dafür aber komplett in Russisch. In den Fußnoten werden nicht nur Wörter übersetzt, sondern einige Textstellen kurz kommentiert. Im Nachwort erfährt man etwas zur Entstehungsgeschichte des Romans und zur Handlung selbst. Eine tolle Ausgabe!