Obwohl ich in den letzten Jahren nur einige wenige Jugendbücher gelesen habe, hat dieses hier, weil es ein Geschenk ist, bisher jegliche Aussortieraktion überlebt. Zum Glück! Denn die Geschichte ist wirklich großartig!

Jahr: 1993| Seiten: 256| Verlag: DTV

Jonas Welt

Jonas lebt in einer Welt, die vollkommen durchorganisiert ist und in der nichts dem Zufall überlassen wird. Kinder werden den Familien zugewiesen, die Partner auf Antrag zugeteilt und auch der zukünftige Beruf wird vom System anhand von persönlichen Neigungen und Stärken festgelegt. 

Unerwartete Berufszuweisung

So auch für Jonas, der zu seinem 12. Geburtstag eine außergewöhnliche Aufgabe als Hüter der Erinnerung übernehmen soll. Als einziger Mensch soll Jonas die Erinnerungen der gesamten Menschheit ein Leben lang aufbewahren. Nur der Hüter der Erinnerung weiß, wie Generationen viele viele Jahre zuvor gelebt haben. Es ist ein sehr geheimnisvoller, einsamer und überraschend anspruchsvoller Beruf.

Perfekte Gesellschaft? 

Eigentlich hat Jonas an seinem bisherigen Leben nichts auszusetzen. Für alle Bürger ist gut gesorgt, das Leben ist sicher und strukturiert und ohne Risiken. Seine Familie und seine Freunde sind verständnisvoll, fürsorglich und geduldig. Es gibt keine Auseinandersetzungen, Geheimnisse oder Konflikte.

Doch nach und nach stellt sich das Gefühl ein, dass etwas Wichtiges fehlt, in dieser perfekten, disziplinierten Welt. Was es genau ist, erfährt Jonas als er in seinen neuen Beruf als der Hüter der Erinnerung eingelernt wird. Mit jeder neuen Erinnerung lernt Jonas auch das andere, frühere Leben kennen, das so ganz anders war wie sein jetziges. Schon bald muss er feststellen, dass auch das System, in dem er aufgewachsen ist, zu Grausamkeiten fähig ist, von denen er bisher keine Vorstellung hatte.

Interessante Hintergrundrecherche

Nachdem ich das Buch fertig gelesen hatte, habe ich angefangen, ein wenig darüber zu recherchieren. Dass „Hüter der Erinnerung“ (engl.: „The Giver“) hier in Deutschland eine beliebte Schullektüre ist, war mir schon bekannt. Wirklich verwundert war ich dann über die Tatsache, dass dieses Buch regelmäßig in der von American Library Association aufgestellte Liste der am meisten verbotenen Büchern landet. Unterschiedliche Gesellschaftskreise hätten immer mal wieder versucht, dieses Buch aufgrund von Darstellung der Gewal, sexuellen Begehrens, der Sterbehilfe und der Thematisierung des Suizids aus den Schulen zu vertreiben. Lois Lowry nimmt auf ihrer Homepage in den FIQ dazu persönlich Stellung:

I think banning books is a very, very dangerous thing. It takes away an important freedom. Any time there is an attempt to ban a book, you should fight it as hard as you can. It’s okay for a parent to say, “I don’t want my child to read this book.” But it is not okay for anyone to try to make that decision for other people. The world portrayed in The Giver is a world where choice has been taken away. It is a frightening world. Let’s work hard to keep it from truly happening.

http://loislowry.com/frequently-asked-questions/
Mein Leseeindruck

Dazu muss ich sagen, dass ich während des Lesens tatsächlich nie den Eindruck hatte, ein ausschließlich für Jugendliche geschriebenes Buch zu lesen. Einerseits aufgrund der oben genannten Punkte, andererseits aber auch wegen des Schreibstils. Dieser ist zwar nicht kompliziert, aber sehr bildhaft und für 12-jährige möglicherweise recht anspruchsvoll. Außerdem gibt es viele Aspekte in dieser Geschichte, bei denen man in die Tiefe gehen kann und die sehr viele philosophische Fragestellungen ermöglichen. Zum Beispiel die Frage, ob die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen gut oder schlecht ist. Macht es das Leben nicht einfach, wenn der Staat für jeden individuell seinen Neigungen und Talenten entsprechend, den passenden Beruf auswählt? 

Wir trauen uns nicht, die Leute ihre eigenen Entscheidungen treffen zu lassen“

„Weil es Risiken birgt?“ schlug der Gerber vor.

„Es birgt Risiken“, sagte Jonas mit Überzeugung. „Was wäre, wenn sich jeder seinen Lebensgefährten aussuchen dürfte? Und dabei die falsche Entscheidung träfe? Oder wenn“, bei der Aubsurdität dieser Überlegung hätte er fast laut aufgelacht, „jeder sich seinen Beruf selbst aussuchen dürfte?“

„Hüter der erinnerung“, S. 114
Einziger Kritikpunkt

Mein einziger Kritikpunkt ist die Dicke des Buchs. 1993 erschienen, ist es eine recht schmale Dystopie (207 Seiten). Heutzutage sind wir an dicke mehrbändige Dystopien gewöhnt, sodass nach meinem Empfinden viele Fragen offen bleiben und die Welt in „Hüter der Erinnerung“ nicht genug ausgearbeitet und vorgestellt wurde.

Allerdings, und das muss man auch dazusagen, gibt es drei weitere Folgebände, der 2. Band ist sieben Jahre später erschienen. Das Ende bietet zwar viel Raum für Spekulationen, macht aber die Geschichte insgesamt rund und abgeschlossen.

Fazit

Insgesamt fand ich „Hüter der Erinnerung“ wirklich großartig, ich habe mit Jonas mitgefiebert und manches Ereignis hat bei mir für Gänsehautmomente gesorgt. Eine tolle, spannende Dystopie über eine scheinbar perfekte Welt, die die philosophische Frage aufwirft, ob vollkommene Gleichheit erreichbar ist und welchen Preis wir dafür bereit wären zu zahlen.


Eine Leseprobe gibt es hier: