Was genau passierte um Mitternacht in Tschernobyl? Ein tolles, spannendes und sehr aufschlussreiches Buch über die größte Nuklearkatastrophe aller Zeiten.

Jahr: 2019 | Verlag: S.Fischer | Seiten: 640

Hintergrund

Am 26. April 1986, nahe der ukrainisch-weißrussischen Grenze und unweit von Kiev, explodiert ein Kernreaktor und die Welt wird nie wieder die alte sein. Die Hoffnung in eine augenscheinlich saubere und verlässliche Kernkraft wurde nach diesem Unfall grundlegend erschüttert. 

In seinem Buch „Mitternacht in Tschernobyl“ rekonstruiert der Autor die dramatische Nacht zum 26. April. Dutzende Interviews und Gespräche mit Experten und Augenzeugen beleuchten die verschiedenen Perspektiven und Blickwinkel auf die Geschehnisse in Tschernobyl und Pripjat, der Stadt, die speziell für die AKW-Mitarbeiter gebaut wurde.

Wie ist das Buch aufgebaut?

Der Leser schaut mit den Augen unzähliger Personen auf die wichtigsten „Meilensteine“ von Tschernobyl: die Bauzeit des AKW, die Inbetriebnahme und schließlich auf die Explosion und ihre Folgen für die Stadt Pripjat, ihre Bevölkerung und die gesamte Sowjetunion. Man bekommt dadurch einen umfassenden und gleichzeitig erschreckenden Einblick in die Funktionsweise des Staatsapparates und die Gesellschaft der ehemaligen UdSSR. Gorbatschow selbst bezeichnete mal Tschernobyl als den wahren Grund für den Zerfall der Sowjetunion. Ob dem so ist, steht zur Diskussion frei. Doch Gorbatschows Aussage macht deutlich, wie gewaltig das gesamte Land durch diese Katastrophe erschüttert und nachhaltig verändert wurde.

Die Protagonisten

In „Mitternacht in Tschernobyl“ schaut man dutzenden Menschen über die Schulter:

  • dem Kraftwerksdirektor, der unter enormen Zeitdruck und unrealistischen Vorgaben den Bau des Reaktors geleitet und dabei einige folgenschwere Entscheidungen getroffen hat.
  • dem stellvertretenden Chefingenieur, der die Leitung über den verheerenden Sicherheitstest in dieser Nacht innehatte. 
  • dem Schichtleiter, der den Notfallknopf gedrückt und so die Explosion unwissentlich ausgelöst hat.
  • den Feuerwehrmännern, die, ohne von der hohen Strahlenbelastung zu wissen, den wohl gefährlichsten Brand der Welt zu löschen versuchten und dadurch ihren Tod besiegelt haben. 
  • den Grubenarbeitern, die einen für den Wärmetauscher gedachten Schacht unter extremer Hitze und höchster radioaktiver Strahlung gegraben haben, um eine noch größere Katastrophe zu vermeiden. Wie sinnlos ihr aufopferungsvoller Einsatz war, zeigt die Tatsache, dass dieser Schacht nie in Betrieb genommen wurde.
  • den Hubschrauberpiloten, die ein Gemisch aus Sand und Bor auf den brennenden Reaktor abgeworfen und sich dabei tödliche Strahlendosis zugezogen haben. 
  • und sogar der Stadtarchitektin, die nicht weniger als die gesamte Evakuierung der Stadt Pripjat praktisch im Alleingang organisieren musste.
Fazit

Adam Higginbotham beschreibt sachlich und nüchtern das dramatische Geschehen in Tschernobyl im April 1986. Er erklärt auch die physikalischen und die politischen Zusammenhänge.

Ich empfehle dieses Buch jedem, der die Kette von Fehlentscheidungen entwirren und verstehen möchte, die zum Unfall geführt haben. Allen, die wissen möchten, wie der sowjetische Staatsapparat in dieser Ausnahmesituation agierte und wie schwierig es war und bleibt, die Schuldfrage zu klären. Dem Autor gelingt es, diese Aspekte vielschichtig, umfassend und vor allem spannend darzustellen. Ein tolles Buch!